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Konrad Buch 2 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner

Konradbuch von Br. Niklaus Kuster

Men­schen­freund und Gottesmann“

Mit die­sem Unter­ti­tel hat der Schwei­zer Kapu­zi­ner Br. Niklaus Kus­ter sein Kon­rad­buch 2018 anläss­lich des Jubi­lä­ums 200 Jah­re Geburt des Hei­li­gen“ ver­öf­fent­licht. Er hat sich auf Spu­ren­su­che bege­ben und zeich­net in sei­nem Buch das Leben des Hei­li­gen nach. In Brief­form ver­fasst stellt das Kon­rad­buch Bezü­ge zum All­tag her und spricht den Leser so direkt an.

Der Pfor­ten­bru­der Kon­rad hat kein Buch geschrie­ben oder sich durch ein Bau­werk ver­ewigt“. Es ist sein Leben, das über die Zei­ten hin­weg Bot­schaft ist. Es ist sein Glau­be, der ihn groß erschei­nen lässt. Im Inter­view erklärt der Schwei­zer Buch­au­tor, wel­che Rol­le unehe­li­che Kin­der in der Fami­li­en­ge­schich­te von Bru­der Kon­rad spiel­ten, was die Schwä­chen des Hei­li­gen waren und war­um ihn die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem vor 200 Jah­ren als Johann Birn­dor­fer gebo­re­nen Mit­bru­der glück­lich gemacht hat. 

Über den hei­li­gen Kon­rad von Par­zham gibt es bereits zahl­rei­che Bücher. Wodurch unter­schei­det sich die Bio­gra­fie, die Sie über Ihren Mit­bru­der geschrie­ben haben?

Mein Buch schil­dert Ver­trau­tes aus einer neu­en Per­spek­ti­ve. In den bis­he­ri­gen Schrif­ten herrscht viel Lokal­ko­lo­rit. Ein Autor, der wie ich – als Nicht­bay­er – von außen auf die Din­ge schaut, sieht man­ches in einem ande­ren Zusammenhang

Was zum Beispiel?

Kon­rads Fami­li­en­ge­schich­te etwa. Alle drei Geschwis­ter, die hei­ra­ten, haben schon vor der Ehe Kin­der bekom­men. Aber weder für Kon­rad noch für ande­re waren das Kin­der der Sün­de. Es war damals wich­tig für Bau­ern, mit der Gewiss­heit hei­ra­ten zu kön­nen: Mei­ne Braut kann Kin­der bekom­men. Wenn nicht, dann wäre das eine Kata­stro­phe für einen Hof­er­ben gewe­sen. Die katho­li­schen Moral­vor­stel­lun­gen davon, wie Fami­li­en­le­ben begin­nen und wie es sich ent­wi­ckeln soll­te, waren offen­sicht­lich auf dem Hof der Fami­lie Birn­dor­fer zweit­ran­gig. Die Fami­lie hat ein Christ­sein gelebt, das auf gute Art geer­det war.

Was waren für Sie die beson­de­ren Her­aus­for­de­run­gen beim Schrei­ben des Buches?

Die deut­schen Kapu­zi­ner kamen im Herbst 2016 auf mich zu mit dem Wunsch nach einer leicht ver­ständ­li­chen, kur­zen und hand­li­chen Bio­gra­fie für den Schrif­ten­stand in unse­ren Kir­chen und Klös­tern. Ich habe mich damals ein biss­chen geschämt, weil ich von Bru­der Kon­rad ganz, ganz wenig wuss­te und auch noch nie zuvor in Alt­öt­ting war

Wie haben Sie sich Bru­der Kon­rad genähert?

Ich habe erst mal alle Bio­gra­fien, die mir aus den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren greif­bar waren, gele­sen. Im Sep­tem­ber 2017 habe ich einen gan­zen Monat in Alt­öt­ting ver­bracht – in die­ser Zeit ent­stand das Buch. Ich stö­ber­te in Archi­ven, las Brie­fe, die Kon­rad geschrie­ben hat­te, ließ mir Vie­les von mei­nen Mit­brü­dern hier in Alt­öt­ting erklä­ren und erzäh­len und sprach mit Ein­hei­mi­schen. Vor allem aber besuch­te ich Kon­rads Lebens­or­te – ich wan­der­te auf den Wegen, auf denen er selbst unter­wegs war. Auf die­se Wei­se haben sich mir Zugän­ge zu sei­ner Lebens­welt erschlos­sen, die mich immer mehr faszinierte.

In vier Wochen ein Buch zu schrei­ben, das klingt nach einer sehr inten­si­ven Zeit. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Zuneh­mend glück­lich! Kon­rads Wegen nach­ge­hen, mich in sei­ner Lebens­welt umschau­en, mit ihm ins Gespräch kom­men: Das hat mich tie­fer und tie­fer berührt. Ich habe einen Bru­der ent­deckt und ken­nen­ge­lernt, der für mich lan­ge Zeit im Schat­ten war. Ich habe gespürt: Sein Leben beginnt in mei­nes zu spre­chen. Auch wenn mein Kapu­zin­erle­ben mei­len­weit von sei­nem ent­fernt ist – Kon­rad war nie wei­ter als 70 Kilo­me­ter von sei­nem Geburts­ort Par­zham ent­fernt und leb­te sehr sess­haft in einem ganz unspek­ta­ku­lä­ren All­tag, ich rei­se durch halb Euro­pa, bin nur weni­ge Tage im Monat in mei­nem Klos­ter in der Schweiz –, hin­dert mich das nicht, mit ihm ins Gespräch zu kom­men.

Die­se Gesprä­che hal­ten Sie im Buch in Form von Brie­fen fest. Das Vor­wort zum Bei­spiel haben Sie auf die­se Wei­se gestal­tet. Es ist offen­sicht­lich, wie sehr Sie per­sön­lich von Bru­der Kon­rad beein­druckt sind. Was genau fas­zi­niert Sie an ihm?

Kon­rad berührt mich in viel­fäl­ti­ger Wei­se. Ihm ist es gelun­gen, den schlich­ten All­tag tief­grün­dig und weit­her­zig zu leben. Er ist jedem, der an sei­ner Pfor­te ange­klopft hat, auf­merk­sam begeg­net. Egal, ob der Gast ihm gegen­über unflä­tig oder auf­brau­send war: Er ist ihm mit der­sel­ben Lie­be begeg­net wie einem Gast, der ihm sym­pa­thisch war. Kon­rad leb­te in die­sem Bewusst­sein: Ich bin ein Sohn Got­tes. Und die­ser Mensch, der mir da begeg­net, ist auch Sohn oder Toch­ter Got­tes und Gott liebt auch die­sen Men­schen.“ Für mich ist das die eigent­li­che Wur­zel bei Bru­der Kon­rad: die­se Lie­be, die kei­nen Men­schen fal­len lässt.

Wel­chen Stel­len­wert hat Bru­der Kon­rad in der fran­zis­ka­ni­schen Familie?

Wie er in der gan­zen fran­zis­ka­ni­schen Fami­lie wahr­ge­nom­men wird, weiß ich nicht. In Bezug auf uns Kapu­zi­ner kann ich sagen: Es ist wirk­lich beein­dru­ckend, dass die ers­ten und auch die bekann­tes­ten Hei­li­gen in unse­rer Ordens­ge­schich­te ganz ein­fa­che Brü­der waren. Bet­tel­brü­der oder wie in Kon­rads Fall: Pfört­ner. Es spricht ein biss­chen für das Cha­ris­ma der Kapu­zi­ner: Man muss nicht hoch­ge­lehrt sein, son­dern das Ent­schei­den­de ist tat­säch­lich, den schlich­ten All­tag über­zeu­gend zu leben. Und das haben ein­fa­che Brü­der sehr viel anschau­li­cher geschafft als man­che gelehr­ten Brü­der im Orden.

Wodurch hat Bru­der Kon­rad kon­kret überzeugt?

Er ver­bin­det die­se Men­schen­lie­be, die ihn aus­zeich­net, auf beein­dru­cken­de Wei­se mit der von ihm emp­fun­de­nen Got­tes­lie­be. Wenn Kin­der kom­men, wenn er Brot ver­teilt, dann sagt er immer: Es ist unser Him­mels­va­ter, der uns das gibt. Nicht ich, nicht wir Brü­der, nicht das Klos­ter schaut, dass es euch gut­geht. Es ist unser Him­mels­va­ter – wir haben einen gemein­sa­men Vater.“ Ich den­ke: Vie­le Men­schen hat das wahr­schein­lich tie­fer berührt als die bes­te Pre­digt über das Vater­un­ser. Weil bei Kon­rad die­ses Unser Vater“ im Han­deln und im Tei­len, im Essen spür­bar wird. Das ist eine ganz, ganz schlich­te, aber sehr über­zeu­gen­de Ver­kün­di­gung. Kon­rad wird ja nicht unbe­dingt als gro­ßer Rat­ge­ber ver­ehrt, son­dern als ein Mensch, der durch die Art, wie er einem begeg­net, bereits Türen öff­net. Nicht nur die Klos­ter­tür, son­dern auch die Tür zu sich selbst, zur eige­nen See­le. Und da find ich ihn im dop­pel­ten Sinn einen guten Pfört­ner.

In Ihrem Buch set­zen Sie sich auch kri­tisch mit Bru­der Kon­rad aus­ein­an­der. Wor­in sehen Sie sei­ne größ­te Schwäche? 

Er ach­tet nicht so gut auf sich selbst, er schläft zu wenig und arbei­tet immer wie­der über sei­ne Gren­zen hin­aus. Dass man sich selbst gegen­über acht­sam ist, das hat Kon­rad nicht gelernt. Damals hat man Selbst­lo­sig­keit gepre­digt. Das ist heu­te zum Glück anders. In mei­ner Ordens­aus­bil­dung hat­te ich einen Lehr­meis­ter, der immer all­er­gisch gewor­den ist, wenn jemand einen selbst­lo­sen Men­schen gelobt hat. Er hat mir auf den Weg mit­ge­ge­ben: Wer selbst­los ist, ist bald ein­mal sich sel­ber los.“ Wenn ich mich aber sel­ber ver­lie­re, ver­lie­re ich letzt­lich auch das Gespür für mein Gegen­über. Auf die Fra­ge, wel­ches Gebot das Wich­tigs­te sei, ant­wor­tet Jesus: Lie­be Gott mit all dei­nen Kräf­ten, mit allem, was du hast.“ Eben­so wich­tig für ihn ist aber auch: Lie­be den Nächs­ten wie dich selbst.“ Die­ses wie dich selbst“ heißt ja eigent­lich gleich­wer­tig“ – ich kann einen ande­ren Men­schen nur anneh­men, wenn ich mich sel­ber anneh­me, ich kann einem ande­ren nur Gutes tun, wenn ich mir sel­ber gut bin. Die Acht­sam­keit dem ande­ren gegen­über wur­zelt immer in der Acht­sam­keit, die man sich selbst schenkt.

Also soll­te man sich in die­sem Punkt Bru­der Kon­rad bes­ser nicht zum Vor­bild nehmen?

Jeder Hei­li­ge ist ein Mensch. Und jeder Mensch hat sei­ne Stär­ken und Schwä­chen. Die Schwä­chen eines Hei­li­gen machen mir Mut, auch mei­ne eige­nen Schwä­chen anzu­neh­men und zu sagen: Ich muss nicht per­fekt sein. Nobo­dy is per­fect – auch kein Hei­li­ger. All jenen, die einen Hang zum Per­fek­tio­nis­mus haben, tut es gut, bei den Hei­li­gen auf die Schat­ten­sei­ten zu sehen.

Wel­che Reak­tio­nen haben Sie bis­lang auf Ihr Buch bekommen?

An mei­nem letz­ten Abend im Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res, als ich mit dem Schrei­ben fer­tig war, habe ich in Alt­öt­ting einen öffent­li­chen Vor­trag gehal­ten. Im Publi­kum saßen ganz vie­le, die Bru­der Kon­rad sehr gut ken­nen, prak­tisch schon seit ihrer Kind­heit. Das war die Feu­er­pro­be für mich. Ich, der Neu­ling, der Außen­sei­ter, zei­ge den Ver­trau­ten, den Ein­hei­mi­schen, was mir an Kon­rad auf­ge­gan­gen ist. Die Reak­tio­nen der Leu­te waren durch­weg posi­tiv. Es hat durch­aus Ergän­zun­gen gege­ben, aber ich habe nir­gends Wider­spruch oder irgend­ei­ne Kor­rek­tur erfah­ren. Im Gegen­teil, vie­le haben gesagt: Sie haben Din­ge gese­hen, die wir so eigent­lich noch nie gese­hen haben.“ Oder: Ich habe so viel Neu­es gehört, obwohl ich Bru­der Kon­rad schon seit Jahr­zehn­ten vor Augen habe.“

Inwie­fern hat die inten­si­ve Begeg­nung mit Bru­der Kon­rad Sie ver­än­dert?

Ich habe das Buch in mei­nem Sab­ba­ti­cal geschrie­ben, das ist natür­lich sowie­so eine sehr dich­te, sehr bewe­gen­de, auch rei­che Zeit. Was die Schrit­te, die ich mit Kon­rad gegan­gen bin, bei mir alles aus­ge­löst haben, wer­de ich wohl erst mit der Zeit erfah­ren. Auf jeden Fall mer­ke ich aber jetzt schon: Wenn ich an die Zukunft den­ke und damit rech­nen muss, dass mein Leben irgend­wann fokus­sier­ter wird, dass ich nicht mehr so viel unter­wegs bin als wan­dern­der Bil­dungs­ar­bei­ter, dann macht Kon­rad mir Mut: In sei­ner Art, den schlich­ten All­tag tief­grün­dig und weit­her­zig zu leben, steckt sehr viel Reichtum.

Inter­view: Bea­te Spindler